Die Neue Rechte ist antisemitisch (Teil 1)

Ist die Neue Rechte antisemitisch?

Die einfache Antwort lautet: Ja.

Am 14. April veranstaltet das Institut für Staatspolitik einen Kongress in Magdeburg, (denn da, schreiben sie, „sitzt die prozentual bisher stärkste AfD-Fraktion“). Auf dem Kongress reden werden neben dem ex-Spiegel- und Axel-Springer-Journalisten Matthias Matussek auch der radikale Rassenideologe Jared Taylor und der schottische Rechtsradikale Colin Robertson alias „Millenial Woes.“ Robertson ist ein bekennender Antisemit, der regelmäßig über die, wie es im Lingo der Alt-Right heißt, „jewish question“ doziert.

Beeinflusst von der Radikalisierung der Anglo-Alt-Right steht die Neue Rechte also im Begriff, ein lange auch von ihr geachtetes Tabu der deutschen Politik zu brechen, und offene, erklärte Antisemiten auf die eigenen Kongresse einzuladen. Wer das macht, muss es sich gefallen lassen, antisemitisch genannt zu werden.

Trotzdem: Obwohl die Antwort nun mehr auf der Hand liegt, ist die Frage nach dem Antisemitismus der Neuen Rechten nicht ganz so einfach zu beantworten.

Offener Antisemitismus ist in der deutschen Politik ein Tabu. Jeder Protagonist der Neuen Rechten wird deshalb leugnen, Antisemit zu sein oder Antisemitismus in ihrer Bewegung zu akzeptieren. Auch die meisten Rechtsparteien Westeuropas, etwa der Front National und die FPÖ, versuchen sich von ihren antisemitischen Wurzeln zu distanzieren, und sich als islamfeindliche ‚Beschützer der Juden’ neu zu erfinden. Wenig könnte ihnen bei ihrem Vormarsch an die Macht mehr schaden, als sich als offene Antisemiten zu outen, das wissen sie. Wie sonst hätte der österreichische Vize-Kanzler Strache beim Wiener Akademikerball im Januar die Worte über die Lippen bringen können, die „Verantwortung und das Gedenken an die Opfer des Holocaust sind uns Verpflichtung und Verantwortung“, wenn nicht im Wissen, dass man als regierende Rechtspartei dieses Minimum erbringen muss?

Doch selbst diese laschen Worte wurden damals von der Sezessions-Autorin Caroline Sommerfeld, die offenbar ein sehr gutes Gespür für die Verlogenheit von Straches opportunistischer Geste besaß, als „Cucking“, „Katzbuckeln“ und als „Kriecherei“ bezeichnet, welche der „Preis zum Mitregieren“ sei. In der Neuen Rechten ist es üblich, aus Prinzip nicht, wie es dann heißt, ‚über die Stöckchen des Mainstreams zu springen’, und sich von diesem vorschreiben lassen, wovon man sich zu distanzieren habe. Caroline Sommerfeld hat aber in ihrem Spott über Hofer noch mehr getan: Sie hat klipp und klar gesagt, dass die Rechte selbst entscheiden wird, wie sie sich mit Antisemitismus auseinandersetzen will. Nämlich gar nicht.

Der Begriff „Neue Rechte“ ist natürlich sehr schwammig. Im engeren Sinne beschreibt er aber einfach eine politische und intellektuelle Bewegung, die nach dem Krieg versuchte, im weitesten Sinne anti-liberale, rechtsradikale, völkische, demokratie- und moderne-kritische, staatsauthoritäre, antifeministische, und schließlich schlicht deutsch-nationale Positionen neu zu formulieren, sie auch zu modernisieren, und dadurch die Forderung nach einer dezidiert rechten Alternative zur liberal-demokratischen Gesellschaft am Leben zu erhalten. Die Neue Rechte tritt damit also ein politisches Erbe an, das in Europa, und in Deutschland sowieso, vom Antisemitismus gar nicht trennbar ist. Zwar war nicht jeder der Autoren, auf den sich die Neue Rechte beruft, antisemitisch, aber der Antisemitismus gehört zur DNA der politischen Tradition, aus der sie stammt. Es wäre absurd, das zu leugnen.

Und trotzdem gibt es in der Neuen Rechten, die sonst zu allem eine Meinung hat, – und ich bin gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen – keine einzige ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus. (Allein das wäre übrigens schon ein Beleg dafür, dass die Neue Rechte in ihrer Gesamtheit antisemitisch ist, würde die Neue Rechte damit nicht einfach die Haltung der deutschen Gesellschaft spiegeln, die ja allgemein auch dachte, mit einem schlichten “aufhören, antisemitisch zu sein” habe sich das Thema bereits erschöpfend erledigt).

Der folgende Gedanke ist unfassbar banal, und vor allem abgeklärte Linke werden ihn nur mit einem genervten „D’uh“ quittieren. Aber ich bitte trotzdem darum, ihn kurz zu Ende zu denken:

Stellt euch vor, ihr seid rechte Intellektuelle. Deutsche rechte Intellektuelle. Obwohl ihr radikale Überzeugungen habt, ist es euch wichtig, dass eure Politik als konservativ und an den common sense der Mehrheitsgesellschaft anschlussfähig erscheint. Vor allem betont ihr, dass ihr keine Hitleristen seid, und den Nationalsozialismus für eine Katastrophe haltet. Denn ihr wollt einen modernen Rechtsradikalismus etablieren, der den Problemen des 21. Jahrhunderts gerecht wird. Trotzdem schöpft ihr aus der reichen Tradition des europäischen Anti-Modernismus und Faschismus. Viele der Figuren, die ihr verehrt und wieder neu bekannt machen möchtet, waren fanatische Antisemiten, aber ihr, sagt ihr zumindest, lehnt Antisemitismus ab.

Wenn ihr das wäret –  hättet ihr nicht ein eigenes, genuines Interesse daran, euch zumindest zu dem Thema mal zu äußern? Geschweige denn, es wirklich zu durchdenken, um einen Begriff vom Antisemitismus zu entwickeln? Würdet ihr nicht verstehen wollen, warum Menschen, die in der europäischen Geschichte ähnlichen Gedanken anhingen wie ihr, zu so fürchterlichen Verbrechen fähig waren?

Es gibt eigentlich nur drei Motive, aus denen man das nicht tun würde:

  • Trotzige Verbohrtheit: Man will sich nicht dem „Diktat“ der ‚verordneten Vergangenheitsbewältigung’ unterwerfen, um den Kritikern und ‚Gesinningsdiktatoren’ keine Macht über sich einzuräumen. Man will selbst bestimmen, worüber und wie man sich äußert. Vordergründig ist es das, was Caroline Sommerfeld im oben verlinkten Text tut.
  • Feiger Opportunismus: Man ist sich im klaren darüber, dass es zumindest beim Fußvolk des rechten Blockes, den durchschnittlichen Lesern, Demonstranten und Wählern, vor Antisemiten nur so wimmelt, sei es weil sie Verschwörungsideologien anhängen, oder Nazis sind, oder einfach nicht so sophisticated wie der gemeine Rechtsintellektuelle, der seine faschistische Ideologie auf eine harmlos klingendere begriffliche Basis stellen kann. Es ist vorstellbar, dass die Intellektuellen der Neuen Rechten den Antisemitismus zwar ablehnen und ihn auch kritisieren, das aber nur hinter verschlossenen Türen tun, weil sie keinen Streit und keine Spaltung wünschen – etwa mit den Anhängern des sehr populären, aber von vielen Kritikern als antisemitisch bezeichneten Compact-Magazins.
  • Antisemitismus: Man ist vielleicht selbst Antisemit, und will das geheim halten. Deshalb scheut man die Diskussion und die offene Auseinandersetzung über dieses Thema. Oder man vertritt, wie es ja oft so ist, unreflektiert antisemitische Positionen, ohne sich dessen ganz bewusst zu sein – weshalb man umso vehementer jede Kritik von sich weißt.

Ich glaube, alle drei Motive spielen – je nach Person, je nach Situation – bei der Neuen Rechten eine Rolle. Aber wer aus Opportunismus Antisemitismus deckt und ihn nicht kritisiert, sondern sich an seiner Verbreitung beteiligt, ist eben auch ein Antisemit, und ein Feigling noch dazu.

Die Neue Rechte hat also kein Interesse daran, den ihrer Bewegung innewohnenden Antisemitismus zu kritisieren, geschweige denn ihn loszuwerden. In Teil 2 werde ich argumentieren, dass sie das auch gar nicht könnte, selbst wenn sie wollte, denn ihre Ideologie muss Antisemitismus immer wieder fast notwendig hervorbringen.

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